Selbsthilfetechniken

Entkopplung

Der zweite Ansatz nennt sich Entkopplung. Die Entkopplung hat sich ebenfalls, vor allem beim Nägelkauen und Haareausreißen, bewährt. Diese Technik ist erfahrungsgemäß insbesondere in jenen Fällen hilfreich, in denen sich die Hand, die Zähne oder die Finger der eigenen Kontrolle zu entziehen scheinen und wie von „Geisterhand“ das Verhalten ausüben.

Die Entkopplung besteht aus zwei Schritten, durch die das Fehlverhalten langsam ersetzt und verlernt wird. Das alte Fehlverhalten wird quasi „überschrieben”.

Der Entkoppelungsansatz arbeitet damit, die Bewegungen, die Sie ablegen wollen, nachzuahmen und umzulenken. Der sogenannte „Verhaltenspfad“ wird verändert, sodass er ins Leere läuft.

Es folgen einige Beispiele im Schnelldurchlauf, bevor wir das Vorgehen ausführlicher erklären: Beim Nägelkauen werden die Finger in Richtung Gesicht geführt – so wie man es auch beim Nägelkauen macht (siehe Abbildung 3a) –, aber sie erreichen nicht den Mund, sondern werden kurz vorher zum Ohr abgelenkt (siehe Abbildung 3b, Alternative 1). Die Fingernägel bekommen so Kontakt – aber nicht mit den Zähnen, sondern in diesem Fall mit dem Ohrläppchen. Dadurch wird dem Reiz bzw. dem Verhaltensdrang, der sich auf die Fingerkuppen/Finger bezieht, nachgegeben, aber in einer Art und Weise, die nicht in einer Verletzung resultiert. Die neue Zielbewegung soll mit einer gewissen Spannung und Beschleunigung ausgeführt werden. Damit soll erreicht werden, dass Ihnen das alte Bewegungsprogramm, also z.B. Nägelkauen, bewusst wird und dieses gezielt umgelenkt werden kann.

Wichtig bei der Entkopplung ist es, dass das neu einzuschleifende Verhalten eine gewisse Ähnlichkeit mit dem alten Verhalten aufweist. Dies erleichtert das Verlernen bzw. das Umlenken des alten Verhaltens.

Ein verwandtes Beispiel: Wenn Sie laut rechnen, werden Sie sich stark gestört fühlen, wenn eine andere Person im Hintergrund gleichzeitig Zahlen aufsagt. Werden dagegen im Hintergrund Wörter gesprochen, ist dies kaum ablenkend. Dies nennt man auch Interferenz.

Da es sich bei Skin Picking, Trichotillomanie und Nägelkauen um langjährig eingeschliffene Verhaltensmuster handelt, ist es notwendig, das neue entkoppelte Verhalten mehrmals am Tag ganz bewusst und in den typischen Situationen auszuüben.

Die neue Verhaltenssequenz sollte jeweils zehn Mal hintereinander durchgeführt werden. Üben Sie diese mindestens drei Mal am Tag. Stellen Sie sich hierfür am besten einen Smartphone-Timer, möglichst zu Zeiten, zu denen das Verhalten auch ausgeübt wird (eine Anleitung finden Sie auf Seite 6). Üben Sie das neue Verhalten außerdem in den kritischen Situationen, die Ihnen das Protokoll verrät. Wir stellen die Technik jetzt nacheinander für zwei Impulskontrollstörungen vor und beginnen mit dem Nägelkauen.

Abbildung 3a: Entkopplung. A, B, C und D: Nachahmung der alten Bewegung und Einleiten der Umlenkung.

Abbildung 3b: Alternative Ausführungen/Umlenkung im Anschluss an die Nachahmung der alten Bewegung.

Die Finger sollen in der Art und Weise, wie sie charakteristisch für das persönliche Nägelkauen ist, bewegt werden. Das kann z.B. eine zögerliche Schleife Richtung Mund sein, bevor gekaut wird. Jeder macht das ein bisschen anders. Die Bewegung soll also zunächst in Richtung Mund gehen (als ob man wirklich kauen würde). Erst kurz vor dem Erreichen des Mundes werden die Finger zielgerichtet zu einer anderen Körperstelle oder einfach nach vorne abgelenkt (siehe Abbildung 3b). Führen Sie die Bewegung unmittelbar vor Berührung der Zähne mit einer gewissen Spannung und Beschleunigung aus – auch ein Schnipsen am Ende kann hilfreich sein. Wie bereits erwähnt, hilft Ihnen die beschleunigte Bewegung dabei, das alte Bewegungsprogramm zu unterbrechen und schließlich zu verlernen. Nach Abschluss der ruckartigen Zielbewegung nehmen Sie die Hände einfach wieder zurück. Wählen Sie zunächst nicht mehr als zwei typische Bewegungsmuster aus, da das alte Verhalten am ehesten verlernt bzw. überschrieben wird, wenn starke und gleichzeitig möglichst ähnliche Bewegungsmuster an seine Stelle treten. Führen Sie die Übungen am besten nicht in der Öffentlichkeit durch; dies könnten andere als störend oder merkwürdig empfinden.

Jetzt zur Trichotillomanie: Verfahren Sie hier ganz ähnlich. Die Finger sollen in der Art und Weise, wie sie charakteristisch für das persönliche Haareausreißen ist, zunächst in Richtung Kopf geführt werden. Kurz vor dem Erreichen des Zieles werden sie dann aber zielgerichtet und schnell entweder zum Nacken, zum Ohr, zur Nase oder zu einem anderen Punkt abgelenkt. Wirkungsvoll ist es auch hier, die Hände einfach nach vorne zu schleudern. Wie eben beschrieben, hilft die beschleunigte Bewegung, das alte Bewegungsmuster zu unterbrechen und schließlich zu verlernen. Wählen Sie auch hier zunächst nicht mehr als zwei neue Bewegungsmuster aus. Sie können die Hand auch zum Nacken ablenken und diesen massieren, aber natürlich ohne dabei Haare auszureißen.

Speziell beim Nägelkauen hat es sich bewährt, die Fingernägel an weicheren Stellen des Handballens oder an anderen Fingern zu reiben. Der Nagel sollte im 90-Grad-Winkel (senkrecht) auf die Nägel – oder wo normalerweise die Nägel sind – treffen (siehe Abbildung 4). Sie sollen auf keinen Fall die Haut unter die Nägel drängen oder Druck ausüben. Massieren/bewegen Sie nur die oberste Hautschicht. Die Bewegungen sollten leicht sein, ähnlich einer sanften Massage.

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Abbildung 4: Entkopplungsübung speziell für das Nägelkauen.

Die Nägel sollen wie abgebildet im 90-Grad-Winkel leicht von der Haut massiert werden, ohne sie zu beschädigen.